«Die grösste Herausforderung ist nicht der Mangel an Wissen, sondern die Unsicherheit»

Diagnostic Reasoning entscheidet im klinischen Alltag direkt über die Qualität der Versorgung – und über mögliche Fehldiagnosen. Doch Zeitdruck, unspezifische Symptome und kognitive Verzerrungen machen ärztliche Entscheidungen komplexer denn je. Warum Reflexion, Teamkultur und transparente Denkprozesse entscheidend sind, erläutern Prof. Carole Elodie Aubert und Dr. Christine Roten, Dozentinnen der diesjährigen SGAIM Masterclass, im Gespräch.

v.l.n.r. Prof. Dr. med. Carole Elodie Aubert, Dr. med. Christine Roten

Wie würden Sie Diagnostic Reasoning im klinischen Alltag der Allgemeinen Inneren Medizin beschreiben – und worin sehen Sie die grössten Herausforderungen für Ärztinnen und Ärzte in der täglichen Entscheidungsfindung?

 

Prof. Aubert: Im klinischen Alltag der Allgemeinen Inneren Medizin sollte die erste und wichtigste Frage des Diagnostic Reasoning immer lauten: «Wer ist die Patientin oder der Patient?» – und erst danach: «Was hat er oder sie?» Das hilft sehr, die Wahrscheinlichkeit der Differenzialdiagnosen besser einzuordnen. Die grösste Herausforderung in diesem breiten, aber sehr spannenden Fach ist die Unsicherheit.

 

Dr. Roten: Wissen und Erfahrung, aber auch Selbstreflexion, Teamkommunikation und Lernen aus Fehlern sind Voraussetzung für ein erfolgreiches Diagnostic Reasoning. Die hohe Komplexität und Dynamik des klinischen Alltags (Zeitdruck, Informationsüberflutung, fragmentierte Daten, kognitive Verzerrungen) sowie oft unspezifische Symptome mit vielen möglichen Ursachen stellen grosse Anforderungen dar.

 

Inwiefern hängt aus Ihrer Sicht die Versorgungsqualität direkt mit der Qualität des Diagnostic Reasoning zusammen? Gibt es typische Situationen, in denen suboptimales Reasoning zu Qualitätsproblemen führen kann?

 

Prof. Aubert: Die diagnostischen und therapeutischen Massnahmen von Ärztinnen und Ärzten hängen direkt mit dem Diagnostic Reasoning zusammen. Fehlendes oder unzureichendes Diagnostic Reasoning kann zu unnötigen Untersuchungen und Kosten führen und Patientinnen und Patienten schädigen. Ein Beispiel ist die Durchführung eines Standardlabors ohne vorheriges Diagnostic Reasoning, was das Risiko für falsch positive Resultate und anschliessende Zusatzuntersuchungen erhöht, wie die Messung von D-Dimeren ohne Evaluation der Vortestwahrscheinlichkeit einer Lungenembolie, was zu unnötigen CT führen kann.

 

Welche typischen kognitiven Verzerrungen oder systemischen Faktoren beeinflussen das Diagnostic Reasoning im klinischen Alltag am stärksten? Wie kann man Ärztinnen und Ärzte dabei unterstützen, diese Verzerrungen besser zu erkennen?

 

Dr. Roten: Typische kognitive Verzerrungen wie der Anchoring Bias (das Festhalten an der ersten Hypothese), der Availability Bias (die Überbewertung kürzlich gesehener Fälle) oder der Confirmation Bias (das Suchen nur bestätigender Informationen) beeinflussen unser Denken im klinischen Alltag und können zu Fehldiagnosen führen. Systemische Faktoren wie Zeitdruck, Arbeitsbelastung oder fehlendes Feedback verstärken dieses Risiko. Entscheidend ist, dass wir unser Denken regelmässig reflektieren – durch Fallbesprechungen, Feedback und offene Teamkultur. Grundlage dafür ist psychologische Sicherheit: keine Angst vor Fehlern, sondern daraus lernen.

 

Wie kann Diagnostic Reasoning in der ärztlichen Aus- und Weiterbildung effektiv vermittelt und überprüft werden – insbesondere im Hinblick auf die Förderung von Reflexionsfähigkeit und Urteilsvermögen?

 

Dr. Roten: Diagnostic Reasoning lässt sich am besten vermitteln, wenn Lernende aktiv in den Denkprozess einbezogen werden – also weniger reines Faktenlernen, sondern gemeinsames Denken am Patientenfall: Was könnte die Patientin oder der Patient haben – und warum? Ein hilfreiches Tool dafür ist das SNAPPS-Modell. Zudem sollten erfahrene Klinikerinnen und Kliniker ihr Denken sichtbar machen: laut erklären, wie sie Hypothesen bilden, gewichten und anpassen. So lernen junge Ärztinnen und Ärzte, ihren eigenen Denkprozess kritisch zu überdenken. Wesentlich ist eine reflexive Lernkultur mit offenem Feedback und der Möglichkeit, über Unsicherheiten und Fehler zu sprechen – nur so entsteht echtes klinisches Urteilsvermögen.

 

Welche aktuellen Forschungsfragen im Bereich Versorgungsqualität untersuchen Sie? Was finden Sie besonders spannend oder relevant für die zukünftige Praxis?

 

Prof. Aubert: Meine Forschung ist sehr praxisnah. Ich finde es besonders spannend, zu Themen zu forschen, die in der Praxis häufig vorkommen oder bei denen ich grosses Potenzial zur Verbesserung der Versorgungsqualität sehe. Ein aktuelles Beispiel ist die Verabreichung von Antihypertensiva bei hospitalisierten Patientinnen und Patienten, die oft ohne geeignete Indikation erfolgt und zu Nebenwirkungen führen kann. Wir haben eine Schulung für Ärzt:innen und Pflegefachpersonen entwickelt und implementiert und untersuchen die Qualität der Verschreibungen von Antihypertensiva vor und nach der Umsetzung der Schulung.

 

Zu den Personen

Prof. Dr. med. Carole Elodie Aubert ist klinische Forscherin mit den Schwerpunkten Versorgungsqualität, patientenzentrierte Versorgung und Reduzierung der Überversorgung. Sie engagiert sich besonders für junge Ärztinnen und Ärzte, die Forschungserfahrung sammeln oder eine akademische Laufbahn einschlagen möchten. Sie ist stellvertretende Leiterin der Poliklinik für Allgemeine Innere Medizin des Inselspitals.

 

Dr. med. Christine Roten ist Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin und hat einen Master of Medical Education. Sie verfügt über umfassende Fachkenntnisse in der klinischen Ausbildung und über grosse Erfahrung in der klinischen Lehre. Sie ist aktiv an der Ausbildung von Studentinnen und Studenten sowie Ärztinnen und Ärzten in verschiedenen Stadien ihrer Ausbildung beteiligt. Zudem ist Christine Roten Mitautorin eines Leitfadens für junge Oberärzte.