SGAIM Masterclass Diagnostic Reasoning - 3 Min. Lesezeit

«Die grösste Herausforderung ist nicht der Mangel an Wissen, sondern die Unsicherheit»

Diagnostic Reasoning entscheidet im klinischen Alltag direkt über die Qualität der Versorgung – und über mögliche Fehldiagnosen. Doch Zeitdruck, unspezifische Symptome und kognitive Verzerrungen machen ärztliche Entscheidungen komplexer denn je. Warum Reflexion, Teamkultur und transparente Denkprozesse entscheidend sind, erläutern Prof. Carole Elodie Aubert und Dr. Christine Roten, Dozentinnen der diesjährigen SGAIM Masterclass, im Gespräch.

Wie würden Sie Diagnostic Reasoning im klinischen Alltag der Allgemeinen Inneren Medizin beschreiben – und worin sehen Sie die grössten Herausforderungen für Ärztinnen und Ärzte in der täglichen Entscheidungsfindung?


Prof. Aubert: Im klinischen Alltag der Allgemeinen Inneren Medizin sollte die erste und wichtigste Frage des Diagnostic Reasoning immer lauten: «Wer ist die Patientin oder der Patient?» – und erst danach: «Was hat er oder sie?» Das hilft sehr, die Wahrscheinlichkeit der Differenzialdiagnosen besser einzuordnen. Die grösste Herausforderung in diesem breiten, aber sehr spannenden Fach ist die Unsicherheit.

Dr. Roten: Wissen und Erfahrung, aber auch Selbstreflexion, Teamkommunikation und Lernen aus Fehlern sind Voraussetzung für ein erfolgreiches Diagnostic Reasoning. Die hohe Komplexität und Dynamik des klinischen Alltags (Zeitdruck, Informationsüberflutung, fragmentierte Daten, kognitive Verzerrungen) sowie oft unspezifische Symptome mit vielen möglichen Ursachen stellen grosse Anforderungen dar.

 

Inwiefern hängt aus Ihrer Sicht die Versorgungsqualität direkt mit der Qualität des Diagnostic Reasoning zusammen? Gibt es typische Situationen, in denen suboptimales Reasoning zu Qualitätsproblemen führen kann?


Prof. Aubert: Die diagnostischen und therapeutischen Massnahmen von Ärztinnen und Ärzten hängen direkt mit dem Diagnostic Reasoning zusammen. Fehlendes oder unzureichendes Diagnostic Reasoning kann zu unnötigen Untersuchungen und Kosten führen und Patientinnen und Patienten schädigen. Ein Beispiel ist die Durchführung eines Standardlabors ohne vorheriges Diagnostic Reasoning, was das Risiko für falsch positive Resultate und anschliessende Zusatzuntersuchungen erhöht, wie die Messung von D-Dimeren ohne Evaluation der Vortestwahrscheinlichkeit einer Lungenembolie, was zu unnötigen CT führen kann.

 

Welche typischen kognitiven Verzerrungen oder systemischen Faktoren beeinflussen das Diagnostic Reasoning im klinischen Alltag am stärksten? Wie kann man Ärztinnen und Ärzte dabei unterstützen, diese Verzerrungen besser zu erkennen?


Dr. Roten: Typische kognitive Verzerrungen wie der Anchoring Bias (das Festhalten an der ersten Hypothese), der Availability Bias (die Überbewertung kürzlich gesehener Fälle) oder der Confirmation Bias (das Suchen nur bestätigender Informationen) beeinflussen unser Denken im klinisc

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