«KI wird uns mehr Zeit für das geben, was ärztliche Tätigkeit wirklich ausmacht»

v.l.n.r. PD Dr. med. Roman Hari, Prof. Dr. med. Maria Wertli
PD Dr. med. Roman Hari erhält den SGAIM Teaching Award 2026 für sein Engagement in der medizinischen Lehre. Im Interview spricht er über exzellente Lehre, Near-Peer-Teaching und darüber, wie Künstliche Intelligenz das Medizinstudium und den ärztlichen Alltag verändern wird.
Herr Hari, was bedeutet Ihnen der SGAIM Teaching Award persönlich?
Der SGAIM Teaching Award ist für mich eine sehr überraschende und umso schönere Ehrung. In verschiedenen tollen Teams konnten wir in den vergangenen Jahren wichtige Projekte für die Allgemeine Innere Medizin anstossen – sei es beim Ultraschall oder beim Stellenwert der Grundversorgung in der Curriculumsentwicklung. Die Auszeichnung ist für mich ein Zeichen dafür, dass ich diesen breit abgestützten Bemühungen durch meine Funktionen an der Medizinischen Fakultät der Universität Bern und bei der SGUM Sichtbarkeit verleihen konnte.
Was unterscheidet gute von exzellenter medizinischer Lehre?
Exzellente Lehrende orientieren ihren Unterricht an den Lernbedürfnissen der Studierenden – und nicht daran, was sie selbst gerne erzählen möchten. Darin spiegelt sich auch die Transformation der medizinischen Lehre über die vergangenen Jahrzehnte wider: von der Vorlesung ex cathedra hin zur individuellen Begleitung von Studierenden auf ihrem Weg zu lebenslangem, selbstbestimmtem Lernen.
Sie beschäftigen sich intensiv mit Near-Peer-Teaching. Was können Studierende oder junge Ärzt:innen einander manchmal besser vermitteln als erfahrene Kaderärzt:innen?
Near Peers sind näher an der Lern- und Lebensrealität ihrer Mitstudierenden. Sie haben ihre eigenen Hürden im Lernprozess noch in Erinnerung und können dadurch mögliche Lernschwierigkeiten besser antizipieren. Auch in der Curriculumsentwicklung haben Near Peers einen einzigartigen Zugang zur Frage, wo im Studium noch Lerninhalte oder geeignete Lernformate fehlen.
Künstliche Intelligenz verändert fundamental, wie medizinisches Wissen gesucht, verarbeitet und angewendet wird. Was müssen wir angehenden Ärzt:innen künftig noch beibringen – und was vielleicht nicht mehr?
Einerseits braucht es weniger detailliertes Faktenwissen und dafür neue Fähigkeiten im Ablegen und situativen Abrufen digitaler Informationen. Andererseits wird es auch künftig eine Kombination aus solidem Orientierungswissen und naturwissenschaftlich fundierten Denkkonzepten brauchen. Dieses Fundament des ärztlichen Denkens ermöglicht es uns, auch klinische Situationen ausserhalb der Routine zu lösen sowie unsere eigene Profession und die Medizin insgesamt weiterzuentwickeln.
Welche Kompetenzen werden durch KI in der Medizin wichtiger?
Klinische Entscheidungen sind schon heute ein Zusammenspiel von heuristischem und analytischem Denken. Hier kann KI helfen, in der Routine den analytischen Weg nicht zu vernachlässigen. Die Integration von KI in die klinische Entscheidungsfindung erfordert aber auch ganz neue Kompetenzen. Dazu gehört beispielsweise, das Vertrauen in eine weitgehend unbekannte Quelle situationsbezogen zu kalibrieren. Ebenso wichtig sind die Wahl des richtigen Zeitpunkts und der richtigen Frage an ein KI-Tool sowie die Fähigkeit, die daraus gewonnenen Informationen angemessen in ein Patient:innen-Gespräch zu integrieren. Ich bin guter Hoffnung, dass KI mithelfen wird, administrative oder repetitive Aufgaben abzukürzen – und wir künftig mehr Zeit haben für das, was die ärztliche Tätigkeit wirklich ausmacht.
Wenn Sie das Medizinstudium heute auf der grünen Wiese neu konzipieren könnten: Was würden Sie beibehalten – und was grundlegend verändern?
Mit unserer Curriculumreform 4S4+ tun wir das in Bern gerade – allerdings auf einer bereits recht blumigen Wiese und über die nächsten fünf bis zehn Jahre. Wir stärken dabei die interpersonellen ärztlichen Rollen, beispielsweise die Kommunikation, die Arbeit und Führung in interprofessionellen Teams sowie das Lehren und Forschen. Wichtig ist uns auch, dass bereits ab der ersten Studienwoche das Verstehen von Funktionsweisen ausgehend von Krankheiten im Zentrum steht. Gleichzeitig sollen die vorklinischen Fächer bis ins letzte Studienjahr ihren Stellenwert behalten. Weiter wollen wir die Wahlmöglichkeiten für die Studierenden deutlich erhöhen und sie damit besser auf das lebenslange Lernen nach dem Staatsexamen vorbereiten.
Wenn Sie einer jungen Ärztin oder einem jungen Arzt für die erste eigene Unterrichtsstunde nur einen Rat mitgeben dürften: Welcher wäre das?
Sich fachlich gut vorbereiten, die Lernbedürfnisse der Studierenden aktiv erfragen – und die eigene Begeisterung für das Thema durchblicken lassen.
Zur Person
PD Dr. med. Roman Hari, MME, PhD, ist Hausarzt und Medical Educator. Seinen PhD in Medical Education absolvierte er mit Schwerpunkt Near-Peer-Teaching. Als Lehrdekan ist er für die Weiterentwicklung der Studiengänge der Medizinischen Fakultät der Universität Bern verantwortlich. Daneben arbeitet er Teilzeit als Hausarzt in der Stadtbachpraxis Burgdorf. Ihn begeistern kluge Lösungen für komplexe Probleme sowie die Frage, wie sich Veränderungen partizipativ gestalten und erfolgreich voranbringen lassen.
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