smarter medicine

Weil weniger Behandlung
manchmal mehr ist

Die Kampagne «smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland» setzt sich gegen die Über- und Fehlbehandlungen ein. Das Ziel: Nur sinnvolle medizinische Massnahmen sollen angewendet werden. Die SGAIM hat vier Top-5-Listen für die stationäre und allgemeine AIM publiziert. Sie enthalten medizinischen Massnahmen, die in der Regel unnötig sind. Fachpersonen sollen deshalb von ihnen absehen.

Top-5-Liste für die ambulante
Allgemeine Innere Medizin

1. Empfehlung

Kein Testen und Neubehandeln von Dyslipidämien bei Personen über 75 Jahren in der Primärprävention

Die SGAIM empfiehlt, bei Seniorinnen und Senioren über 75 Jahren ohne Herz-Kreislauf-Erkrankungen darauf zu verzichten, eine Therapie mit Statinen zu beginnen. Dies umfasst auch das Messen der Lipide im Blut. Der Grund ist, dass diese Behandlung einen wahrscheinlich geringen Nutzen aufweist. Jedoch sind Nebenwirkungen möglich. 

Bei Personen über 75 Jahren ohne kardiovaskuläre Vorerkrankung ist es unklar, ob eine neu begonnene lipidsenkende Behandlung mit Statinen kardiovaskuläre Ereignisse oder den Tod verhindert. Folglich ist die Lipidmessung in dieser Patientengruppe unnötig.


Quelle: Cholesterol Treatment Trialists’ Collaboration
Evidenzlevel: Metaanalyse aus 28 randomisiert-klinischen Studien

2. Empfehlung

Kein MRI des Kniegelenks bei vorderen Knieschmerzen ohne Bewegungseinschränkung oder Gelenkserguss ohne vorherige adäquate konservative Behandlung

Es sind nur wenige Studien bei Personen mit anterioren Knieschmerzen verfügbar. Diese zeigen gleiche Verläufe von Schmerz und Beweglichkeit, unabhängig davon, ob eine MRI-Untersuchung durchgeführt wurde oder nicht. Hingegen folgen auf MRI-Untersuchungen oft falsch positive Befunde. Sie können unnötige, riskante und kostspielige Eingriffe auslösen.

Quelle: American Medical Society for Sports Medicine, The Canadian Orthopaedic Association
Evidenzlevel: Metaanalyse aus 4 randomisiert-klinischen Studien; Systematischer Review aus 63 Studien

3. Empfehlung

Keine Eisensubstitution bei asymptomatischen, nicht anämischen Personen und keine Eiseninfusion ohne vorgängigen peroralen Therapieversuch (ausser bei Malabsorption)

Leistungsabfall und Müdigkeit sind nicht unbedingt durch fehlendes Eisen verursacht. Müdigkeit hat oft andere Gründe. Dies inbesondere, wenn die Person über ausreichend Hämoglobin verfügt und auch ihre Eisenspeicher in der Leber, der Milz und im Knochenmark gefüllt sind. Bisher gibt es keine eindeutigen Hinweise, dass die Eisenzufuhr in dieser Situation die Müdigkeit reduziert.

Bei asymptomatischen Patientinnen ohne Anämie und mit ausreichend gefüllten Eisenspeichern (Ferritin ≥15 μg/L) ist der Nutzen einer Eisensubstitution nicht klar bewiesen. Zwei RCTs haben nicht-anämische Frauen mit höheren Ferritin-Werten und vermehrter Müdigkeit untersucht. Sie haben gezeigt, dass eine orale Eisensubstitution die Müdigkeit geringfügig subjektiv senkte. Dabei ist ein Placebo-Effekt möglich. 

Die Studie hat die Qualität der Evidenz als moderat bis sehr tief beurteilt. Ist eine Eisensubstitution indiziert, ist zuerst eine orale Substitution empfohlen. Denn eine Infusion bringt potenzielle Risiken. Diese Empfehlung schliesst Spezialsituationen (Malabsorption) aus.

Quelle: Quellen: Houston BL, Hurrie D, Graham J, Perija B, Rimmer E, Rabbani R, et al. Efficacy of iron supplementation on fatigue and physical capacity in non-anaemic iron-deficient adults: a systematic review of randomized controlled trials. BMJ Open. 2018;8(4).
Evidenzlevel: Metaanalyse aus 13 randomisiert-klinischen Studien

4. Empfehlung

Keine Messung von 25-OH-Vitamin D als Routine bei Personen ohne Risikofaktoren für einen Vitamin-D-Mangel

Ein Messen von 25-OH-Vitamin D ist nur in seltenen Fällen sinnvoll. Denn das Resultat hat kaum je Einfluss auf das empfohlene Prozedere.

Quellen: American Society of Clinical Pathology, College of Family Physicians of Canada, British Society of Rheumatology, The Royal College of Pathologists of Australasia, US Preventive Services Taskforce.
Evidenzlevel: Systematischer Review; Metaanalyse aus 8 randomisiert-klinischen Studien

5. Empfehlung

Keine regelmässigen ausführlichen Gesundheitschecks bei asymptomatischen Personen

Bei asymptomatischen Personen besteht keine Evidenz, dass periodische Gesundheitschecks hinsichtlich kardiovaskulärer Ereignisse und Sterblichkeit, Krebsmortalität oder Gesamtmortalität nützen. Diese Untersuchungen unterliegen einem Risiko der Überdiagnostik. Falsch positive Resultate führen zu weiteren Abklärungen, zum Beispiel Blutuntersuchungen, Bildgebung oder EKGs. 

Diese Empfehlung schliesst Lebensstilberatungen und evidenzbasierte Screening-Untersuchungen aus. Dazu zählen zum Beispiel alters- und geschlechtsspezifisches Krebsscreening, Blutdruck- und Cholesterin-Untersuchungen. Für diese besteht klare Evidenz für einen Nutzen.

Quellen: American Society of General Internal Medicine, College of Family Physicians of Canada
Evidenzlevel: Metaanalyse aus 15 randomisiert-klinischen Studien

Top-5-Liste für die stationäre
Allgemeine Innere Medizin

1. Empfehlung

Keine prophylaktische Antikoagulation bei Akutpatientinnen und -patienten mit geringem Risiko venöser thromboembolischer Ereignisse

Mittels prophylaktischer Antikoagulation lässt sich die Inzidenz venöser thromboembolischer Ereignisse bei Akutpatientinnen und -patienten mit Risikofaktoren für venöse Thrombosen verringern. Diese prophylaktische Antikoagulation bringt ein erhöhtes Risiko hämorrhagischer Ereignisse mit sich. Fachpersonen der medizinischen Praxis im Spital sollen das Risiko venöser Thrombosen ausreichend abwägen, wenn sie prophylaktische Antikoagulation verordnen. 

Die Hälfte bis drei Viertel aller Patientinnen und Patienten erhält trotz geringem Risiko unnötigerweise prophylaktische Antikoagulation ohne festgestellten Nutzen. Es bestehen verschiedene Scores, um das Risiko venöser Thrombosen zu bewerten. Dazu zählen der Geneva-Score, der vereinfachte Geneva-Score, der Padua-Score und IMPROVE. Sie sind trotz nicht perfekter Sensibilität von 70 bis 90 % bei Patientinnen und Patienten mit hohem Risiko für im Spital erworbene Venenthrombosen nach wie vor sinnvoll. 

Sie können eine Patientengruppe mit geringem Risiko und geringer Inzidenz venöser thromboembolischer Ereignisse (z. B. <1% nach 90 Tagen beim Geneva-Score) identifizieren. Die prophylaktische Antikoagulation bringt Unannehmlichkeiten für die Patientinnen und Patienten. Ebenso verursacht sie Personalkosten sowie Kosten für die pharmazeutischen Produkte. Sie sind aufgrund des fehlenden Nutzens nicht gerechtfertigt.

Referenzen: 

  1. Choosing wisely Society of Hospital Medicine – Adult Hospital Medicine, May 2022. https://www.choosingwisely.org/clinician-lists/shmam11-do-not-routinely-prescribe-vte-prophylaxis-to-all-hospitalized-patients-use-an-evidence-based-risk-stratification-system-to-determine-whether-a-patient-needs-vte-prophylaxis-if-they-do-warra/
  2. Kahn SR, Lim W, Dunn AS, Cushman M, Dentali F, Akl EA, et al. Prevention of VTE in nonsurgical patients: Antithrombotic Therapy and Prevention of Thrombosis, 9th ed: American College of Chest Physicians Evidence-Based Clinical Practice Guidelines. Chest. 2012; 141(2 Suppl):e195S–e226S. Epub 2012/02/15. doi.org PMID: 22315261; PubMed Central PMCID: PMC3278052.
  3. Schunemann HJ, Cushman M, Burnett AE, Kahn SR, Beyer-Westendorf J, Spencer FA, et al. American Society of Hematology 2018 guidelines for management of venous thromboembolism: prophylaxis for hospitalized and nonhospitalized medical patients. Blood Adv. 2018; 2(22):3198–225. Epub 2018/11/ 30. doi.org PMID: 30482763; PubMed Central PMCID: PMC6258910.
  4. Chaudhary R, Damluji A, Batukbhai B, et al. Venous Thromboembolism Prophylaxis: Inadequate and Overprophylaxis When Comparing Perceived Versus Calculated Risk. Mayo Clin Proc Innov Qual Outcomes 2017;1:2
  5. https://www.hug.ch/sites/hde/files/a5_thromboprophylaxie_3.pdf
  6. Choffat D, Farhoumand PD, Jaccard E, et al. Risk stratification for hospital-acquired venous thromboembolism in medical patients (RISE): Protocol for a prospective cohort study. PLoS One 2022;17:e0268833.
2. Empfehlung

Keine Antibiotikatherapie aufgrund erhöhter Entzündungswerte wie C-reaktives Protein (CRP) oder Procalcitonin (PCT) als alleinige Indikation

Entzündungsparameter zeigen einen inflammatorischen Prozess im Körper an. Dieser kann unterschiedlichste Ursachen haben. Die Parameter sind keineswegs spezifisch für Infektionen oder gar für bakterielle Infektionen. Fachpersonen müssen sie deshalb immer im klinischen Kontext interpretieren. 

Erhöhte Entzündungsparameter können Anlass sein, gezielt nach einer Infektion zu suchen. Ohne spezifische klinische Symptomatik für eine Infektion stellen sie keine Indikation für den Einsatz von Antibiotika dar. Als spezifische klinische Symptomatik zählen beispielsweise Pneumonie, Harnwegsinfektion und Blutstrominfektion.

Referenzen

  1. Deutsche Gesellschaft für Infektiologie https://www.dgi-net.de/
  2. Ten Over J et al. et al.: Utility of immune response-derived biomarkers in the differential diagnosis of inflammatory disorders. J Infect 2015; Sep 30. DOI: 10.1016/j.jinf.2015.09.007
  3. Gabay C, Kushner I: Acute-phase proteins and other systemic responses to inflammation. N Engl J Med 1999; 340: 448–54
3. Empfehlung

Keine systematische medikamentöse Behandlung erhöhter Blutdruckwerte während eines akuten Spitalaufenthalts

Erhöhte Blutdruckwerte sind während eines akuten Spitalaufenthalts häufig. Sie führen oft dazu, dass die antihypertensive Therapie intensiviert wird oder eine medikamentöse Therapie bei Personen ohne vorbekannte Hypertoniediagnose initiiert wird. Mehrere Faktoren können tatsächlich den Blutdruck während eines akuten Spitalaufenthalts erhöhen. Dazu zählen zum Beispiel Schmerzen, Stress, Angst, Schlafmangel, unbehandelte Schlafapnoe, Entzug oder Fieber. 

In den folgenden beiden Fällen gibt es während eines akuten Spitalaufenthalts keine Indikation, eine antihypertensive Therapie zu starten oder zu intensivieren: Einerseits bei fehlenden Hinweisen für einen hypertensiven Notfall («hypertensive emergency», das heisst mit Endorganschädigung). Andererseits bei einer hypertensiven Gefahrensituation («hypertensive urgency», das heisst mit Risikofaktoren für Komplikationen). 

Eine solche Therapie zu beginnen oder zu intensivieren, kann Komplikationen wie Schwindel oder Stürze begünstigen. Dies, ohne dass der Blutdruck langfristig besser eingestellt wird. Während eines akuten Spitalaufenthalts muss das Fachpersonal vorerst hypertensive Notfälle und hypertensive Krisen erkennen. In anderen Situationen ist auf eine medikamentöse Therapie zu verzichten. Parallel suchen die Fachpersonen nach externen Faktoren, die zu einer Blutdruckerhöhung führen können, und behandeln diese.

Referenzen

  1. Savigny E, Gobin N, Amyai N. Hypertension artérielle à l’hôpital : faut-il la traiter ? Rev Med Suisse 2022 ;18 :229-34.
  2. Studer M, Heimer O, Kherad O. Modification du traitement antihyeprtenseur durant le séjour hospitalier. Rev Med Suisse 2021 ;17 :1735-7.
  3. Rastogi R, Sheehan MM, Shaker V, et al. Treatment and outcomes of inpatient hypertension among adults with noncardiac admissions. JAMA Intern Med. 2021;181(3):345-352.
  4. Anderson TS, Bocheng J, Auerbach A et al. Clinical outcomes after intensifying antihypertensive medication regimens among older adults at hospital discharge. JAMA Intern Med. 2019;179(11):1528-1536.
4. Empfehlung

Bei Verlassen des Spitals keine Verschreibung von Neuroleptika, deren Verabreichung während der Hospitalisierung gegen Schlaflosigkeit oder Unruhe initiiert wurde; bei jeder Verschreibung Neubewertung der Indikation nach der akuten Phase

Swissmedic und die amerikanische Food and Drug Administration haben der Verabreichung von Neuroleptika (auch Antipsychotika genannt) der zweiten Generation (z. B. Quetiapin, Risperidon, Olanzapin) zur Behandlung verschiedener neuropsychiatrischer Leiden zugestimmt. In den letzten Jahren waren vermehrt Off-Label-Verschreibungen dieser Medikamente aufgrund ihrer sedativen und hypnotischen Eigenschaften zu beobachten. 

Im Spitalumfeld fanden atypische Neuroleptika umfangreiche Anwendung beim Management von Schlaflosigkeit, Unruhe sowie Verhaltensproblemen in Zusammenhang mit Demenz. Neuroleptika der zweiten Generation bringen ein erhöhtes Risiko metabolischer Komplikationen mit sich. Dazu zählen Sedierung und Schläfrigkeit, extrapyramidale Symptome, kognitive Beeinträchtigungen und traumatische Stürze. Angesichts dieser unerwünschten Wirkungen sowie des Abhängigkeitspotenzials sollen Fachpersonen von der Off-Label- und der langfristigen Verschreibung von Neuroleptika der zweiten Generation absehen. 

Sie müssen die Risiken und den Nutzen systematisch aufs Sorgfältigste bewerten, bevor sie diese verschreiben. Ausserdem dürfen demenzbeeinträchtigte Patientinnen und Patienten keine Neuroleptika erhalten, sofern keine schwerwiegenden und/oder erhebliches Leiden verursachenden Symptome vorliegen.

Referenzen

  1. Krutika Chokhawala, Lee Stevens. Antipsychotic Medications. In: Chokhawala K, Stevens L, eds. StatPearls [Internet]: StatPearls Publishing 2022.
  2. https://www.swissmedicinfo.ch/
  3. Gaertner J, Eychmueller S, Leyhe T, et al. Benzodiazepines and/or neuroleptics for the treatment of delirium in palliative care?-a critical appraisal of recent randomized controlled trials. Ann Palliat Med 2019;8(4):504–15.
  4. Højlund M, Andersen JH, Andersen K, et al. Use of antipsychotics in Denmark 1997-2018: a nation-wide drug utilisation study with focus on off-label use and associated diagnoses.Epidemiol Psychiatr Sci 2021;30:e28.
  5. Alexander GC, Gallagher SA, Mascola A, et al. Increasing off-label use of antipsychotic medications in the United States, 1995-2008. Pharmacoepidemiol Drug Saf 2011;20(2):177–84.
  6. Reus VI, Fochtmann LJ, Eyler AE, et al. The American Psychiatric Association Practice Guideline on the Use of Antipsychotics to Treat Agitation or Psychosis in Patients With Dementia. Am J Psychiatry 2016;173(5):543–46.
  7. Gareri P, Segura-García C, Manfredi VGL, et al. Use of atypical antipsychotics in the elderly: a clinical review. Clin Interv Aging 2014;9:1363–73.
  8. Stogios N, Smith E, Bowden S, et al. Metabolic adverse effects of off-label use of second-generation antipsychotics in the adult population: a systematic review and meta-analysis. Neuropsychopharmacol. 2022;47(3):664–72.
  9. Yunusa I, Alsumali A, Garba AE, et al. Assessment of Reported Comparative Effectiveness and Safety of Atypical Antipsychotics in the Treatment of Behavioral and Psychological Symptoms of Dementia: A Network Meta-analysis. JAMA Netw Open 2019;2(3):e190828.
  10. Jahnsen JA, Widnes SF, Schjøtt J. Quetiapine, Misuse and Dependency: A Case-Series of Questions to a Norwegian Network of Drug Information Centers. Drug Healthc Patient Saf 2021;13:151–57.
  11. Corbett A, Burns A, Ballard C. Don't use antipsychotics routinely to treat agitation and aggression in people with dementia. BMJ 2014;349:g6420.
  12. Yunusa I, Rashid N, Demos GN, et al. Comparative Outcomes of Commonly Used Off-Label Atypical Antipsychotics in the Treatment of Dementia-Related Psychosis: A Network Meta-analysis. Adv Ther 2022;39(5):1993–2008
5. Empfehlung

Keine Verabreichung von Sauerstoff bei Akutpatientinnen und -patienten, um eine kapillare Sauerstoffsättigung von 94 % oder darüber zu behalten

Wenn keine Ateminsuffizienz oder verminderte periphere kapillare Sauerstoffsättigung (SpO2) <90 % vorliegt, erhalten Akutpatientinnen und -patienten oftmals ohne deutliche Evidenz eine Sauerstofftherapie (O2). Studien an hospitalisierten Akutpatientinnen und -patienten haben ergeben, dass die freigiebige O2-Verabreichung im Vergleich zu einer konservativen Strategie mit geringeren SpO2-Zielwerten und somit eingeschränkter O2-Verabreichung mit einer Übersterblichkeit assoziiert ist.

Ausserdem führt die O2-Verabreichung zum Austrocknen und zu Beschwerden in den Nasenhöhlen und im Rachenraum. Eine Metaanalyse und eine Rapid Recommandation des «British Medical Journal» empfehlen in diesen Fällen dringend, eine SpO2 von 96 % nicht zu überschreiten. Etliche Empfehlungen richten sich an diesem Grenzwert aus. Mit schwächerer Evidenz wird ein SpO2-Zielwert zwischen 90 % und 94 % oder 88 % und 92 % empfohlen, sofern das Risiko einer hyperkapnischen Dekompensation (z. B. COPD, neuromuskuläre Erkrankung des Atmungssystems, obstruktive Hypoventilation) besteht. 

Diese Empfehlung ist nicht auf CO-Vergiftung, Cluster-Kopfschmerzen, vasookklusive Krisen bei Sichelzellanämie oder Pneumothorax anzuwenden. Zusätzlich sprechen gegen die risikobehaftete freigiebige O2-Verabreichung der finanzieller Aufwand und die Umweltbeeinträchtigungen in Zusammenhang mit der Sauerstoffherstellung sowie der erforderlichen Hilfsmittel, um ihn zu verarbreichen. Bei dunkelhäutigen Patientinnen und Patienten kann die SpO2-Messung verfälscht und das Ausmass der Hypoxämie unterschätzt werden.

Referenzen

  1. Chu DK, Kim LH, Young PJ, et al. Mortality and morbidity in acutely ill adults treated with liberal versus conservative oxygen therapy (IOTA): a systematic review and meta-analysis. Lancet 2018;391:1693-705.
  2. Siemieniuk RAC, Chu DK, Kim LH, et al. Oxygen therapy for acutely ill medical patients: a clinical practice guideline. BMJ 2018;363:k4169.
  3. Society of Hospital Medicine – Adult Hospital Medicine. May 2022. https://www.choosingwisely.org/clinician-lists/shmam7-dont-maintain-a-peripheral-capillary-oxygen-saturation-spo2-of-higher-than-96-when-using-supplemental-oxygen-unless-for-carbon-monoxide-poisoning-cluster-headaches-sickle-cell-cri/
  4. Sjoding MW DR, Iwashyna TJ et al. Racial Bias in Pulse Oximetry Measurement. N Engl J Med. 2020;383(25):2477-2478
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