Sven Streit: Die «Papiertiger»-Erhebung zeigt deutlich: Unnötige Administration ist für viele Ärzt:innen ein strukturelles Problem. Sie erleben Versicherer im Alltag primär als Quelle unnötiger Rückfragen und Kostengutsprachen. Was hat prio.swiss bewogen, sich dieser Kampagne anzuschliessen – und zwar jetzt?
Saskia Schenker: Die Krankenversicherer leiden ebenso an dieser ständig wachsenden Bürokratie, die immer mehr und komplexeren regulatorischen Vorgaben geschuldet ist. Sie bindet auf beiden Seiten viele Ressourcen, die wir lieber in eine möglichst gute medizinische Versorgung und Begleitung der Versicherten sowie weitere Reduktion der Verwaltungskosten investieren würden.
Die Kampagne «Papiertiger» erlaubt uns Krankenversicherern gemeinsam mit den Ärztinnen und Ärzten vielen Ursachen von Bürokratie ganz konkret auf den Grund zu gehen und gegen unnötige Regulierungen vorzugehen. Die Kampagne fördert zudem das gegenseitige Verständnis über die Aufgaben und Herausforderungen. Denn wir Krankenversicherer haben auch eine wichtige Prüfaufgabe, um sicherzustellen, dass die Prämienzahlerinnen und Prämienzahler nicht unnötige Kosten finanzieren müssen. Es gilt, gute Wege zu finden, dass sowohl die Ärzteschaft ihre Arbeit gut und effizient machen kann, gleichzeitig aber auch die Versicherer ihre Prüfaufgabe wahrnehmen können. Die Krankenversicherer werden übrigens auch vom Gesetzgeber kontrolliert, und zwar, ob sie ihre Prüfaufgabe genügend wahrnehmen. Es gilt also abzuwägen zwischen sinnvoller Regulierung mit verknüpften Prüfaufgaben und eben unnötiger Bürokratie.
Sven Streit: In der aktuellen Diskussion entsteht oft der Eindruck eines Gegeneinanders. Wo sehen Sie die wichtigsten gemeinsamen Interessen zwischen Ärzt:innen und Versicherern?
Saskia Schenker: Ich habe Mühe mit dem gegenseitigen Schuldzuweisen. Wir sind Tarifpartner und tragen viel Verantwortung in unseren jeweiligen Rollen und miteinander. Und wo viele Akteure zusammenarbeiten, braucht es ein ausgewogenes Zusammenspiel der Verantwortlichkeiten. Auf jeden Fall wollen Ärztinnen und Ärzte als auch wir Versicherer eine möglichst gute Versorgung zu hoher Qualität, was auch heisst, dass Doppelspurigkeiten, ungerechtfertigte Abrechnungen und unnötige Behandlungen vermieden werden.
Sven Streit: Ein zentrales Ergebnis der Umfrage ist die Wahrnehmung eines systemischen Misstrauens: Besonders häufig berichten die Teilnehmenden von wiederholten Rückfragen zu klar indizierten, seit Jahren etablierten Therapien – selbst dann, wenn diese bereits mehrfach geprüft und begründet wurden. Was sagen Sie zu dieser Kritik?
Saskia Schenker: Hier geht es um systemische Herausforderungen. Die meisten medizinischen Rückfragen müssen die Versicherer machen, weil regulatorische Vorgaben des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) oder des Gesetzgebers sie dazu verpflichten. Diese regulatorischen Vorgaben sind oft sehr komplex und werden jedes Jahr mehr. Zum Teil bestehen auch klare Vorgaben, in welchen Abständen solche Rückfragen geschehen müssen. Hier können wir gemeinsam ansetzen.
Aber eine Herausforderung ist auch, dass Vertrauensärzte und -ärztinnen keinen Zugang zu den Dossiers und Berichten der Ärzte haben. Vertrauensärzte und -ärztinnen überprüfen für die Versicherer nach Art. 57 KVG die Voraussetzungen der Leistungspflicht und erhalten zu diesem Zweck die dafür notwendigen medizinischen Unterlagen. Für alle Beteiligten wäre es eine Erleichterung und Beschleunigung des Prozesses, wenn diese bereits heute bereitgestellten Unterlagen einfach aber unter vollständigem Datenschutz und mit der Einwilligung des Versicherten im Elektronischen Gesundheitsdossier EGD zur Verfügung gestellt werden könnten, idealerweise direkt durch den behandelnden Arzt oder die behandelnde Ärztin. Somit würde man den Datenaustausch per Post oder per E-Mail stark reduzieren und im Interesse der Datensicherheit den Leistungserbringern, und somit den Patientinnen und Patienten, rasch eine Antwort liefern können. Die Digitalisierung ist somit ein ganz wesentlicher Faktor, um den «Papiertiger» in den Griff zu bekommen.
Sven Streit: Überadministration entsteht nicht nur einseitig: Wo sehen Sie aus Sicht der Versicherer konkrete Probleme im Zusammenspiel mit Leistungserbringern – beispielsweise bei Qualität, Vollständigkeit oder Lesbarkeit von ärztlichen Angaben?
Saskia Schenker: Ganz allgemein: Wenn Informationen oder Daten fehlen, muss bei den Ärztinnen und Ärzten nachgefragt werden. Grundsätzlich müssen wir papierbasierte Abläufe Schritt für Schritt reduzieren. Sie sind schlicht nicht geeignet für einen effizienten Datenaustausch. Dafür braucht es digitale Prozesse ohne Medienbrüche, um einen reibungslosen Ablauf und Datentransfer zu gewährleisten. Krankenversicherer haben gegenüber ihren Versicherten einen sehr hohen Digitalisierungsgrad. Gegenüber Leistungserbringern noch nicht durchgehend, weil sich hier auch verschiedene Herausforderungen stellen – unter anderem ist Digitalisierung immer zweiseitig. Es gibt aber verschiedene Projekte zwischen Versicherern und Leistungserbringern, wo innovative Lösungen umgesetzt werden.
Sven Streit: Viele Rückfragen basieren auf regulatorischen Vorgaben. Wo sehen Sie konkret Spielraum, diese pragmatischer umzusetzen?
Saskia Schenker: Es muss bei den Vorgaben selbst angesetzt werden, denn dem Pragmatismus sind enge Grenzen gesetzt. Es gibt Krankenversicherer, die bei gewissen Kostengutsprachen den Prüfprozess ausgesetzt haben, weil es schlichtweg keinen Sinn ergab. Sie wurden umgehend von der Aufsicht gerügt und verpflichtet, den Prüfprozess wieder aufzunehmen und die entsprechenden Ressourcen einzusetzen. Wir müssen deshalb genau solche Vorgaben, die aus beider Sicht als unnötig erscheinen, identifizieren und mit dem Bundesamt für Gesundheit zusehen, dass sie angepasst werden.
Sven Streit: Wenn Sie eine Form von Administration morgen abschaffen könnten – welche wäre das?
Saskia Schenker: Manche Auflagen, die die Krankenversicherer haben, ergeben schlichtweg keinen Sinn. Ein ganz konkretes Beispiel: Für ein Medikament gegen Multiple Sklerose (MS), das nun wirklich niemand einnimmt, der nicht an MS leidet, das auch niemand ohne MS-Diagnose verschreibt und das definitiv auch nicht gegen andere Erkrankungen eingesetzt werden kann – für ein solches Medikament braucht es heute eine Vorlage beim vertrauensärztlichen Dienst, um eine Kostengutsprache erteilen zu können. Derzeit müssen die Versicherer dies zwingend einfordern. Immerhin zeigt sich das BAG offen dafür, solche unverständlichen Auflagen zu überprüfen und zu vereinfachen.
Sven Streit: Sie arbeiten bereits mit der FMH an einem Prozess zum Abbau unnötiger Bürokratie. Wie sieht dieser konkret aus – und was wird durch «Papiertiger» anders?
Saskia Schenker: Ja, wir haben bereits, noch bevor wir vom «Papiertiger» erfahren haben, gemeinsam mit der FMH ein Projekt lanciert. Ziel ist es, unnötigen administrativen Aufwand systematisch zu identifizieren und konkrete Lösungen zu entwickeln.
Beide Parteien können Themen mit Reduktionspotenzial einbringen. Seitens prio.swiss werden diese in einer Arbeitsgruppe zusammen mit unseren Mitgliedern bewertet und analysiert, sodass die jeweils erforderliche Expertise gezielt einbezogen wird. Die FMH geht dabei analog vor. Anschliessend führen wir die Ergebnisse zusammen und erarbeiten gemeinsam tragfähige und praxisnahe Lösungen.
Sven Streit: Sie waren Direktorin des Arbeitgeberverbands Region Basel. Ärzt:innen kritisieren insbesondere Arbeitsunfähigkeitszeugnisse ab dem ersten Krankheitstag als medizinisch nicht sinnvoll. Wie haben Sie dieses Thema aus Arbeitgebersicht erlebt – und wie hat es Ihre Sicht geprägt?
Saskia Schenker: Die Arbeitgeberverbände empfehlen klar, erst nach drei Krankheitstagen ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis zu verlangen. Eben gerade um das System zu entlasten und weil es auch besser ist, wenn jemand zu Hause bleibt, um nicht andere anzustecken. Wenn aber natürlich Ausfälle von einem und zwei Tagen zunehmen, dann habe ich ein gewisses Verständnis dafür, dass Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber eine ärztliche Bestätigung wünschen.
Was mich in meiner damaligen Rolle beschäftigt hat, war der verantwortungsvolle Umgang mit Arbeitsunfähigkeitszeugnissen. Es handelt sich um wichtige Dokumente, die sorgfältig und korrekt ausgestellt werden müssen. Umso wichtiger wäre auch hier ein guter Dialog zwischen Arbeitgebern und Ärzteschaft, um in diesem Themenfeld Verbesserungen zu erzielen.
Sven Streit: Viele Ärzt:innen sind skeptisch, ob sich wirklich etwas ändert. Was können Sie ihnen konkret in Aussicht stellen – und wann werden erste Verbesserungen spürbar?
Saskia Schenker: Da sind wir gemeinsam in der Pflicht. Wie gesagt identifizieren wir im Projekt mit der FMH und mit dem «Papiertiger» hoffentlich nun einige Massnahmen, die wir dann entweder gemeinsam oder im Dialog mit dem Regulator umsetzen können. Jeder konkrete Hinweis und Lösungsvorschlag ist willkommen. Und wenn ich einen Wunsch anbringen darf: Bitte stellen Sie alle die Papierrechnungen ab, die die Krankenversicherer heute noch erhalten. Die Krankenversicherer müssen dafür extra Personen anstellen, die diese Rechnungen einscannen, bevor sie durch den durchgehend digitalisierten Rechnungsprüfungsprozess laufen können. Das finde ich ehrlich gesagt sowas von «Papiertiger»!
Zur Person
Prof. Dr. med. Sven Streit ist Professor am Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM) und Präsident der Nachwuchsförderungskommission der SGAIM. Unter anderem widmet er sich der Forschung zu Multimorbidität und Polypharmazie. Seiner Praxis am Burgweg bleibt er auch weiterhin treu, schätzt er doch den täglichen Kontakt zu seinen Patientinnen und Patienten. Damit er seine Zeit künftig wieder vermehrt ihnen widmen kann, engagiert er sich mit Vehemenz in der Kampagne «Papiertiger».
Saskia Schenker ist Direktorin von prio.swiss – dem Verband der Schweizer Krankenversicherer, der 2025 gegründet wurde und heute 100 Prozent aller Schweizer Krankenversicherer vereint. Sie ist Verwaltungsrätin bei der SwissDRG AG und bei der Organisation ambulante Arzttarife (OAAT). Saskia Schenker studierte Politologie und Wirtschaft und absolvierte ein EMBA in Finance sowie Weiterbildungen im Sozialversicherungs- und Kommunikationsbereich. Sie schätzt den direkten Austausch und kurze Wege, um Herausforderungen anzugehen und gemeinsam zu lösen. Den «Papiertiger» sieht sie als solche Möglichkeit.
