Die Medizin entwickelt sich rasant – auch in der Allgemeinen Inneren Medizin. Neue Technologien, digitale Werkzeuge und Anwendungen künstlicher Intelligenz verändern den klinischen Alltag, ebenso wie spezialisierte Therapien. Gleichzeitig rückt eine grundlegende Frage wieder stärker in den Fokus: Wodurch zeichnet sich ärztliche Qualität aus?
Der SGAIM Frühjahrskongress 2026 findet vom 20. bis 22. Mai 2026 im SwissTech Convention Center (STCC) in Lausanne statt und greift diese Frage bewusst auf. Unter dem Motto «The good doctor» verbindet der Kongress aktuelle klinische Updates mit einer Reflexion über ärztliche Professionalität, klinisches Entscheiden und die Rolle der Allgemeinen Inneren Medizin im Gesundheitssystem. Im Interview erläutert Kongresspräsident Prof. Jacques Donzé, welche Überlegungen hinter dem Kongressthema stehen, welche inhaltlichen Schwerpunkte das
Programm setzt und warum die Allgemeine Innere Medizin gerade in einer zunehmend spezialisierten Medizin eine zentrale integrative Rolle einnimmt.
healthbook: Herr Professor Donzé, der SGAIM Frühjahrskongress 2026 vom 20. bis 22. Mai 2026 steht unter dem Motto «The good doctor». Warum ist dieses Thema gerade jetzt das richtige für 2026?
Prof. Donzé: Wir leben in einer Zeit ausserordentlicher medizinischer Fortschritte, gleichzeitig aber auch zunehmender Komplexität. Fast jede Woche hören wir von neuen technologischen Entwicklungen, neuen Therapien oder Anwendungen künstlicher Intelligenz. Hinter dieser Dynamik spüren viele Ärztinnen und Ärzte, dass etwas Wesentliches unseres Berufs aus dem Blick geraten könnte. Innovation ist jedoch unverzichtbar, und wir müssen neue Entwicklungen aufnehmen, wenn sie einen echten Mehrwert zeigen. Medizin lässt sich nicht auf Technologie, Algorithmen oder Leistungsindikatoren reduzieren. Im Kern bleibt sie ein zutiefst menschlicher Beruf.
Mit dem Motto „The good doctor“ möchten wir bewusst kurz innehalten und eine einfache, aber grundlegende Frage stellen: Jenseits von Innovation und Spezialisierung stellt sich eine grundlegende Frage: Was macht uns als Ärzt:innen eigentlich aus? Welche Elemente unseres Berufs müssen wir als Allgemeininternist:innen heute und in Zukunft bewahren und weiter stärken?
Der Begriff «good doctor» kann für verschiedene Menschen Unterschiedliches bedeuten. Gab es in der Vorbereitung Aspekte ärztlicher Haltung oder Kompetenz, bei denen Sie das Gefühl hatten, dass wir sie dieses Jahr besonders betonen sollten?
Ja, das stimmt. Es gibt viele ganz viele Aspekte, die «eine gute Ärztin oder einen guten Arzt» ausmachen. Für Patientinnen und Patienten ist es oft jemand, der zuhört, Vertrauen schafft und sie als ganzen Menschen sieht. Für Ärzte selbst gibt es auf diese Frage vielleicht noch vielfältigere Antworten, da jeder Arzt anders ist, sich aber selbst als guten Arzt betrachtet. Ein guter Arzt braucht selbstverständlich klinische Kompetenz, aber ebenso Bescheidenheit, Neugier, Selbstreflexion und die Bereitschaft, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln. Es gibt keine einzelne Fähigkeit, die alles definiert, und auch keine einzige Art, ein guter Arzt zu sein. Gerade das Zusammenspiel von Wissen, klinischem Urteilsvermögen, Kommunikation und menschlicher Haltung macht unseren Beruf anspruchsvoll und zugleich faszinierend. Der Kongress möchte all diese Dimensionen aufnehmen und stärken.
Hausärzte und Spitalinternisten erleben im Alltag oft sehr unterschiedliche Realitäten. Gleichzeitig gehören sie zur gleichen Fachrichtung. Was wollten Sie bei der Programmgestaltung vermeiden, und was wollten Sie bewusst zusammenführen?
Ob in der Spitalmedizin oder in der Hausarztpraxis: wir teilen dieselbe Grundlage. Dazu gehören die Arzt-Patienten-Beziehung, sorgfältiges klinisches Denken, der Umgang mit Multimorbidität, die Berücksichtigung psychosozialer Faktoren sowie die Fähigkeit, den Menschen als Ganzes zu sehen. Während sich viele Fachrichtungen zunehmend spezialisieren, bleibt die Allgemeine Innere Medizin das Fachgebiet der ganzheitlichen Behandlung. Das ist unsere Stärke und zugleich unsere Verantwortung. Der Kongress soll diese gemeinsame Identität sichtbar machen. Unser Ziel war es, ein Programm auf die Beine zu stellen, das Spitalinternisten, Hausärzte, Assistenzärzte und Forschende anspricht und das Verbindende stärker betont.
Auch das Kongresskomitee vereint Kollegen und Kolleginnen aus Praxis, Forschung und Spitalmedizin. Wie hat die Zusammensetzung die Ausrichtung des Kongresses beeinflusst?
Die Vielfalt im Komitee ist natürlich ein grosser Vorteil. Jeder brachte eine eigene Perspektive ein: aus der Praxis, aus dem Spital, aus der Forschung oder aus der Weiterbildung. Dadurch konnten wir sicherstellen, dass das Programm für verschiedene Karrierephasen und Arbeitsumfelder relevant ist. Gleichzeitig haben wir bewusst neue Elemente aufgenommen, etwa den zertifizierten Point-of-Care-Ultraschallkurs (POCUS). Er steht sinnbildlich für die Weiterentwicklung unseres Fachs: fest in der klinischen Basis verankert, aber offen für neue Kompetenzen, welche die Arbeit am Patienten verbessern.
Wo wird das Kongressmotto «The good doctor» im Programm konkret sichtbar? In welchen Formaten wird diese Frage besonders greifbar?
Der Kongress bietet hochkarätige und praxisnahe klinische Updates, weil genau das viele Ärzte für ihre tägliche Arbeit erwarten. Darüber hinaus geben die Keynote Lectures dem Thema zusätzliche Tiefe. Dort geht es um die menschliche Dimension der Medizin, um Vertrauen und professionelle Verantwortung sowie um die Frage, was uns in einem zunehmend anspruchsvollen Gesundheitssystem trägt. Es geht also nicht nur darum, Wissen zu aktualisieren, sondern auch darum, sich wieder mit dem Sinn unserer Arbeit und den Gründen zu verbinden, warum wir diesen Beruf gewählt haben.
Viele Ärzte in Weiterbildung erleben ihren Alltag stark durch Aufgaben, Kennzahlen und Zeitdruck geprägt. Wo bleibt noch Raum für klinisches Denken oder Reflexion? Was kann ein Kongress leisten, was im Alltag oft fehlt?
Zeitdruck und administrative Anforderungen gehören heute leider zum klinischen Alltag. Trotzdem bleibt das klinische Denken das Herzstück unseres Fachs. Es lässt sich nicht einfach durch Protokolle oder künstliche Intelligenz ersetzen. Mit speziellen Sessions und neuen Weiterbildungsformaten möchten wir unterstreichen, dass solides klinisches Denken kein Luxus ist. Es gehört zu den zentralen Kompetenzen der Allgemeinen Inneren Medizin.
Was unterscheidet den SGAIM Frühjahrskongress aus Ihrer Sicht von anderen Fortbildungsveranstaltungen der Allgemeinen Inneren Medizin?
Der Frühjahrskongress ist mehr als eine klassische Fortbildungsveranstaltung. Er ist das grösste nationale Treffen der Allgemeinen Inneren Medizin in der Schweiz. Hier kommen Kollegen aus dem ganzen Land zusammen, tauschen sich aus, diskutieren und pflegen persönliche Kontakte. In einem zunehmend fragmentierten Gesundheitssystem ist ein solcher gemeinsamer Ort für unsere Fachgemeinschaft wichtiger denn je.
Neu im Programm ist ein eintägiger POCUS-Zertifizierungskurs. Warum war es Ihnen wichtig, ein klar praxisorientiertes Format aufzunehmen?
POCUS entwickelt sich zunehmend zu einem wichtigen Instrument direkt am Patientenbett. Mit einem strukturierten Zertifizierungskurs vermitteln wir nicht nur eine technische Fertigkeit. Wir unterstreichen damit auch das Selbstverständnis der Allgemeininternisten als breit ausgebildete, flexible und klinisch orientierte Ärzte. Es geht letztlich darum, unsere diagnostische Präzision und unsere klinische Eigenständigkeit weiter zu stärken.
Das gesamte Interview lesen Sie auch hier.
